Bei dir bleiben ist nicht wesentlich

„Ich sollte echt mehr bei mir bleiben …“

Ein Satz, der seit langer Zeit als Mantra zur Zentrierung in so manchem Gedanken und so mancher Haltung von so manchen Menschen herumgeistert.

Ein Satz, der darauf hinweisen soll, dass es wichtig ist, sich erst einmal selbst zu lieben, bevor man einen anderen lieben kann.

Ein Satz, der für die Befreiung des eigenen Seins stehen soll – und sich stattdessen für mich wie Begrenzung und Bemühung anfühlt.

Jedesmal wenn ich ihn hörte und selbst aussprach, wurde es eng in mir.

Ich dachte oft, „ich bin wohl noch nicht soweit“. Ich bin noch viel zu sehr „im Außen“, denn ich nahm ganz offensichtlich noch viel zu viel wahr. Geschehnisse, die Gefühle meines Gegenüber, die Welt um mich herum. So trieb mich mein esoterischer Entwicklungswunsch zuverlässig an und ich bemühte mich, noch mehr „bei mir“ zu bleiben – und fühlte mich dabei immer weniger verbunden. Und immer einsamer.

Natürlich begegnete mir genau dieser Satz dann auch in meinem Beziehungsleben immer öfter. „Hey, ich bleib bei mir und du solltest bei dir bleiben, sonst verlieren wir uns.“ Also blieb ich dran, denn ich wollte doch geliebt werden, gewünscht sein, verbunden bleiben, mit dem Menschen, den ich spürbar liebe. Und das „Ich bleib bei mir“-Ding würde mir das sicher bescheren.

Doch etwas in mir ließ nicht locker und nagte weiter unangenehm an der Motivation für meine Bemühungen. Es war die Frage …

Wer ist das eigentlich, bei dem ich bleiben will?

Wen meine ich denn da, wenn ich von „mir“ spreche? Dieses etwas, das ich zuerst lieben lernen soll, bevor ich mir zutrauen kann, einen anderen zu lieben. Dieses „Ich“, das sich mit Zuneigung und Nachsicht um sich selbst kümmern soll, bevor ein anderer sich mit ihm verbinden kann. Und wer bestimmt, wann „Es“ soweit ist?

Diese Gedanken regten meinen Widerstand weiter an. Ja, ich spürte, dass der Satz „Ich bleibe bei mir“ tatsächlich wichtig ist – aber irgendwie anders, als bisher gedacht.

Ich wusste, ich muss der Spur in mir folgen, warum sich dieser Satz in mir so eng, so beschränkend anfühlt. Er klingt doch so universell verbunden, so besonnen und bewusst. Aber ist er auch wahr? Vielleicht kommt es auf die Ebene an, von der aus man ihn sendet und hört …

Da gibt es die Ebene der Person, von der ich glaube, dass ich sie bin.

Grundsätzlich glaube ich, dass es wichtig ist, unserer Persönlichkeit gegenüber eine wohlwollende, gütige Haltung zu entwickeln und sich mit der Geschichte zu versöhnen, die diese geformt und geprägt hat. Ja, genau zu dieser Person verlässlich zu stehen. „Bei ihr zu bleiben“, ist dabei jedoch nur eine gedankliche Entscheidung – denn faktisch kann ich ihr nicht entkommen. Ich kann die Teile verleugnen, die ich an mir nicht mag, ja – ich kann aber auch Einfluss darauf nehmen. Und zwar nur ich. Dafür muss ich mich dieser Person, als die ich mich wahrnehme, zuwenden. Sie aufmerksam betrachten, beobachten.

Aber wer ist eigentlich dieser Beobachter?
Diese Frage richtete meine Aufmerksamkeit mit einem Mal von Außen nach Innen. Auf etwas, das mir irgendwie vertraut ist. Weil es immer da ist. Vor allem spüre ich es, wenn ich mit anderen Menschen im Kontakt bin und dabei tiefer in mich hineingehe.

Dort ist das Wesen, das ich spüre, das ich bin.

Es ist das Wesen, das sich als „mit allem verbunden“ weiß. Das Wesen, das sich erinnert, das es alles ist. Der Boden auf dem es läuft, die Blume, die es sieht, der Berg, den es erklimmt, die Sterne, die am Himmel sichtbar sind und auch die, die Person nicht sehen kann. Es ist das Wesen, das weiß, wohin der Weg geht und wie man dort hinkommt. Es ist das Wesen, das sich spürbar und immer bewusst ist, „ich bin du – du bist ich“. Untrennbar verbunden.

In diesem Moment wurde etwas frei in mir. Denn der Satz „ich bleib bei mir“ bekam eine neue Bedeutung für mich und ich konnte meine Erfüllungsbemühungen endlich loslassen. Denn bislang hielt er mich auf der Personen-Ebene, die sich als begrenzt und vom anderen getrennt erlebt.

Natürlich klingen diese Worte bewusst – und suggerieren die Konzentration auf die eigene Selbstverwirklichung und die spirituelle Entwicklung. Aber sie lassen auch wenig Raum für Andere und Anderes und hinterlassen nicht den Eindruck, als wäre es gewollt, sich liebevoll um sein Gegenüber zu kümmern und um die Welt, in der wir alle gemeinsam leben. Dafür müsste man die Ebene des Ichs verlassen und sich in das Wir hineingeben. Und genau das meint dieser Satz nicht.

„Wir“ ist der natürliche Ausdrucks des Wesens hinter der Person.

Es kann gar nicht anders, als sich vollständig zu erleben. Verbunden mit allem, was ist. Es stellt sich nicht die Frage, wer oder wo bist du und wer oder wo bin ich. Es unterscheidet nicht. Es grenzt sich nicht ab, es ist offen für die anderen Wesen, die es nicht als „die anderen“ erlebt. Für dieses Wesen ist „ich bin hier und du bist dort“ sinnlos. Denn dieses Wesen ist der Raum der alles umfasst. Er ist der Raum, die Energie, der Wunsch und der Wille. Es ist Liebe selbst, die in ihrer ganzen Fülle hin wie her fließen kann, wenn die „wesentlichen“ Wege frei sind.

Was steckt denn eigentlich dahinter, wenn man sagt „Ich bleibe bei mir und du bei dir“?

Vielleicht will man sich von einer Person abgrenzen, weil man befürchtet, sich „in ihr zu verlieren“ wenn man mit Nähe nicht umgehen kann? Vielleicht will man der Verlustangst ausweichen und sich vor Enttäuschung und Verletzung schützen, indem man sich besser nicht „ganz“ auf die andere Person einlässt. Vielleicht will man sich vor Verbindlichkeit oder Erwartungen in einer Beziehung bewahren, die vielleicht keiner von beiden erfüllen will oder kann. Vielleicht will man sich einer Freiheit versichern, die man glaubt zu verlieren, wenn man sich „bindet“.

Fragt man sich dann, wer ist „man“ eigentlich in all diesen Vielleichts, die bestimmt nicht abschließend aufgezählt sind, findet man heraus …

Es ist die Person, die all diese Befürchtungen und Bedrängnisse hat.

Und der Satz „Ich bleibe bei mir und du bei dir“ soll das angenommen-sein und verstanden-werden dieser Gefühle sichern und ist dabei zugleich eine wirksame Blockadetechnik nach Außen – und nach Innen. Denn diese Person setzt eine Grenze, ohne sich darüber bewusst zu sein, dass sich diese Grenze auch auf den Kontakt zu dem Wesen in sich auswirkt. Auf den Kontakt zu der Instanz in sich, die um die Verbundenheit mit allem weiß. Und diese muss sich nichts sichern. Dieses Wesen nimmt alles um sich herum wahr, nimmt sich und andere an, gibt sich sich selbst und anderen hin. Es ist. Bedingungslos. Freigiebig. Freiwillig. Frei.

Diese Instanz kennt auch den Weg

wie die Person diese Verbundenheit und Sicherheit in sich selbst fühlen und glauben kann. Den Weg der Ausrichtung des eigenen Bewusstseins – von der Person (Außen), die man zu sein glaubt, hin zu dem Wesen (Innen) das man ist.

Und genau das, macht es scheinbar schwer, denn diesen Weg kann jeder nur für sich selbst finden. Dabei hilft ein Gegenüber. Jemanden, der einen in Beziehung bringt, mit „sich selbst“ – eben dieser inneren Instanz. Und das geschieht durch die Auseinandersetzung mit dem Spiegel vor einem und durch die eigene Bereitschaft, Bezug zu nehmen und in Verbindung zu gehen, mit allem was einem in dieser Welt und in diesem Leben begegnet.

Ich habe für mich einen Weg gefunden. Ich weiß, das ist nur der Anfang und bestimmt zeigen sich mir noch viele Wege mehr. Doch jetzt gerade beginnt es damit, mir zu erlauben, wer ich im Außen bin. Meine Definitionen, meine Rollen, meine persönlichen Affinitäten. Die Person, die sich all diese Gedanken macht, die sich orientieren will und Entscheidungen trifft. Eine davon ist, meiner Neugier zu folgen und nach „mir“ und meiner Wahrheit zu suchen.

Und ich erlaube mir, einen Satz, der nicht meiner ist, zu meinem zu machen.

Einen Satz, der mich zu dieser Instanz in mir führt, die zutiefst weiß und sicher ist, dass ich alles in allem bin, mit allem verbunden. Zu dem Wesen, das ganz selbst-verständlich sorgsam und achtsam mit allem umgeht, was es umgibt und meiner Person einen Hinweis gibt, wie das gehen kann.

Ein Satz, der den Weg zu diesem Wesen erahnen lässt. Zu dem Wesen, das sich seiner selbst im anderen gewiss ist und weiß, dass es nicht von der eigenen oder einer anderen Person getrennt ist und uns geduldig darauf hinweist. Mit großen und kleinen Zeichen. Durch Situationen und Begegnungen. Bis die Person dieses Wesen in sich erkennt … und meist entdeckt sie dieses zuerst im anderen.

Ein Satz, der die Liebe zum Ausdruck bringt, die in allem ist und alles sein lässt. Der mich die Liebe in mir und um mich herum fühlen lässt und alles was damit verbunden ist. Damit der Weg für mich erkennbar wird, wie ich auch mich als die Person lieben kann, als die ich im Außen erscheine.

Ein Satz, der mich wissen lässt, dass jede Idee von Abgrenzung eine persönliche Illusion ist.

Ein Satz wie …

Ich bin ganz mit dir und du bist ganz mit mir.

Egal wo uns das Leben gerade hinführt.

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