Vergebung – ein spirituelles Missverständnis

Seit Esoterik und Spiritualiät einen immer größeren Raum in der Öffentlichkeit bekommen – und so ihre Daseinsberechtigung bestätigen – wächst auch der Markt der hilfeanbietenden spirituellen Begleiter und es entsteht eine Vielfalt von Praktiken, um sich von der Enge der Projektionen und Schattengeschichten zu befreien. Ungeahnte Möglichkeiten und effektive Transformationstechniken öffnen den persönlichen Weg, um nach und nach zu wahren eigenen Kern durchzudringen. Doch es zeigt sich auch die nachdenklich stimmende Tendenz, Dogmen einfach durch neue Dogmen zu ersetzen. Und das kann mehr Schaden anrichten als beabsichtigt …

Zunächst einmal, was ist ein Dogma?

Ich fand dazu folgende Beschreibung: „Ein Dogma ist eine „feststehende, grundlegende Definition“, deren Wahrheitsanspruch als unumstößlich festgestellt wird. Leider wird wohl in diesem Sinne in gewissen Kreisen immer häufiger das „mittelalterliche“ Sühneprinzip durch die „unerlässliche“ Vergebungsarbeit ersetzt. Und das beinhaltet in einigen Facetten esoterischer Praktiken Vergebung um jeden Preis, „weil man sonst nicht in seine Heilung gehen kann“.

Doch haben wir da wirklich alles richtig verstanden? Was ist denn nun Vergebung wirklich und wann ist sie tatsächlich heilsam?

Der Gesprächspsychotherapeut Reinhard Tausch hat die „Vergebung“ einmal aus psychologischer Perspektive untersucht und beschreibt sie als ein „intensives, inneres Selbstgespräch“, das eine mentale Bewältigung des verletzenden Ereignisses erst ermöglicht. Dieser innere Prozess erfordert ein hohes Maß an psychischer Energie, da er sich zunächst einmal gegen die eigenen Intentionen richtet (Ausgleichsbedürfnis, Veranwortungsübernahme, etc.).

Und dann ist da noch die Sache mit den Emotionen …

In so manchen Kreisen wird nicht selten „gepredigt“, dass Ärger und Wut nur darauf hindeuten, dass man noch sehr in seinem Ego gefangen sei. Und dass diese Gefühle doch endlich durch ein wie auch immer geartetes Vergebungsritual „aufgelöst“ werden müssten, weil sonst der Betroffene schädliche Energien in sich tragen oder sogar aussenden würde. Und genau hier liegt wohl ein Missverständnis vor …

Selbst Pater Anselm Grün, „Vergebungsspezialist“ und Erfolgsautor (zu Recht, wie ich finde!), unterscheidet auf entlastende Art bei den auftauchenden Emotionen in Verbindung mit einem „vergebungsbedürftigen“ Vorfall zwischen schädlichem Zorn und heilsamer, vor seelischer Kränkung schützender Wut! Hoppla … diese „Erlaubnis“ für Emotion liest man selten in esoterisch-spirituellen Kreisen!

Ohne Zweifel ist es mittlerweile leicht nachvollziehbar, dass das Nicht-Vergeben psychologisch negative Auswirkungen auf den Vergebungsunwilligen haben kann. Doch bedarf es zunächst einmal laut Rau Anerkennung für die berechtigt auftauchenden Gefühle des Betroffenen. Denn nicht die Nicht-Vergebung macht krank, sondern die nicht zugelassenen oder nicht eingeräumten Gefühle, die der Verletzte erfahren hat. Und bei ehrlichem, inneren Hinfühlen und Erinnern erstaunt es nicht, dass ein wichtiger Schlüssel einer (schnellen) aufrichtigen Vergebung die aufrichtige Reue des Verursachers, beziehungsweise die damit signalisierte Übernahme seines Teils der Verantwortung ist.

Denn „Ver-Geben“ beinhaltet den Verzicht auf einen Ausgleich.  Und dafür bedarf es zunächst einer vormaligen Bestätigung der Berechtigung desselben! Auf was soll denn sonst verzichtet werden, wenn nie ein entsprechender Ausgleich definiert wurde? Ver-Gebung ist daher ein Prozess, der der Annahme (des Betroffenen) UND die Rück-Gabe (an den Verursacher) der jeweiligen Verantwortung bedarf.

Doch statt sich diesem intensiven, nicht selten langwierigen Erkennungs- und Vergebungsprozess „Ich nehme meinen Teil der Verantwortung an und über-gebe dir deinen Teil der Verantwortung“ offen und ehrlich hinzugeben – mit samt seiner heilenden Wut auf den anderen und sich selbst – wird in vielen Fällen vorschnell ein Vergebungsmantra auf einem Vergebungsworkshop gemurmelt und sich unter den kritischen Blicken der Mitvergebenden weggeduckt. „Was?! Du bist noch wütend?! Dann aber mal ab – du musst dringend vergeben, sonst ist es ja kein Wunder!“ Ohne einmal zu reflektieren, was Vergebung eigentlich ist … bzw. nicht ist:

Denn leider wird Vergebung nicht selten mit etwas verwechselt
  • Vergessen − Die Verletzung wird nicht mehr erinnert
  • Nachsicht − Die Verantwortlichkeit des Täters wird relativiert.
  • Akzeptanz − Die Verletzung bzw. deren Folgen werden akzeptiert.
  • Billigung − Die Person in Opferposition äußert Zustimmung oder Einwilligung.
  • Begnadigung − Eine vorgesehene/angedachte Strafe wird dem Täter erlassen.
  • Verleugnung − Unvermögen bzw. mangelnder Wille, eine Verletzung als solche wahrzunehmen.
  • Rechtfertigung − Die verletzende Handlung wird im Nachhinein durch Argumente entkräftet.

Gleichzeitig wird der berechtigte Wunsch nach Ausgleich und einem Reuesignal (und die damit einhergehende beiderseitige Verantwortungsannahme) unterdrückt und stattdessen mit einem tiefen Atemzug und einem kraftvollen Ohm verschluckt – und treibt fortan unbewusst im Solarplexus des Geschädigten sein Unwesen.

Aber hat sich schon mal jemand gefragt, wie sich ein latent unangemessener (!) oder unauthentischer Verzicht auf Ausgleich für eine existenzbedrohliche Verletzung (und das ist es oft – ob psychisch, physisch oder materiell) auch auf anderen Ebenen zeigt?

Also zum Beispiel, indem ein „Energiearbeiter“ anhaltende Probleme damit hat, für seine wertvolle Energiearbeit auch einen angemessen Ausgleich zu verlangen – und so immer tiefer in eine existenzbedrohliche Lage rutscht. Unbewusst wird nämlich auch hier eine Schuldgeschichte gestrickt! Zum Schmunzeln, wenn dies auch noch für ein Vergebungsritual gewesen wäre … (Spaß am Rande).

Für Ausgleich zu sorgen, bzw. diesen annehmen zu können ist nämlich eine wichtige Voraussetzung, um gegebenenfalls auch einmal darauf verzichten zu können. Denn wenn die eigene Existenz bedroht ist, ist wenig Raum für entspannte Hilfsangebote, wenn doch einmal Not am Mann ist. Das meinte wohl auch Mahatma Gandhi mit seinem Zitat:

„Eine Maus wird einer Katze kaum vergeben, wenn sie es zulassen muss, von ihr in Stücke gerissen zu werden!“

So gesehen – entspannt euch! Nehmt Euch die Zeit, die Ihr zum Heilen braucht und um Euch über die jeweiligen Anteile (auch die eigenen) in dieser Geschichte klar zu werden. Und vor allem – seid gut zu Euch! Denn eine einseitig, absegnende Vergebung vermag wohl eher nur Avataren, Buddhas und Jesus authentisch und ohne Restknirschen im Solarplexus gelingen. Bei uns Otto-Normal-Sterblichen ist hierfür wohl noch viel Selbst-Vergebungsarbeit zu tun …

In diesem Sinne – bitte ich um Vergebung für meine Meinung 😉

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